Fussnoten

Fussnote 1 – Medienepochen

Letzte Aktualisierung 5. November 2022.

Kommentar

Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat in «Gesellschaft der Gesellschaft» eine Theorie der Medienepochen skizziert, die sein Schüler Dirk Baecker in seinen Studien und Schriften weiter ausgearbeitet hat. Die Theorie der Medienepochen geht von der heuristischen Hypothese aus, dass sich mit der Einführung eines neuen Kommunikationsmediums die Strukturform und Kulturform der Gesellschaft verändern und sich die Gesellschaft in einem evolutionären Prozess reformiert.

Neben den genannten Soziologen haben sich auch promintente Medienwissenschaftler wie Marshall McLuhan und Friedrich Kittler mit Medienepochen auseinandergesetzt. Ihr Theorieansatz unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der systemtheoretischen Medientheorie und führt zu anderen Schlüssen hinsichtlich gesellschaftlicher Entwicklungen.

Im Unterscheid zu Luhmann und Baecker fassen McLuhan und Kittler Kommunikationsmedien als technische Erweiterungen des menschlichen Körpers, des Geistes und der Sinne auf. Da diese Erweiterungen über einen Eigensinn verfügen, haben sie einen starken Einfluss auf Kommunikationen und prägen diese mit.

Die systemtheoretische Medientheorie indes klammert die technische Materialität von Kommunikationsmedien weitgehend aus und arbeitet mit der abstrakten Unterscheidung zwischen Medium und Form. Als Kommunikationsmedien übernehmen Medien in der Gesellschaft allein die Funktion, die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation wahrscheinlich zu machen.

Während Luhmann und Baecker Kommunikationsmedien aus einer systemtheoretischen Perspektive betrachten, nähert sich ihnen Kittler in der Tradition von McLuhan aus einer spezifischen medienwissenschaftlichen Perspektive. Diese unterschiedlichen Sichtweisen haben, wie Rudolf Maresch in seinem Artikel «Kommunikation – Medien – Macht» aufzeigt, Implikationen auf die Art und Weise, wie Kommunikations- und Informationssysteme beobachtet und beschrieben werden.

Der medienwissenschaftliche Ansatz nimmt die technische Materialität von Kommunikation in den Fokus und erkundet aus dieser Perspektive den kulturellen Wandel in der Zeit (Kittler: «Medien bestimmen unsere Lage.»). Der systemtheoretische Ansatz indes untersucht, wie beispielsweise Massenmedien die Gesellschaft beobachten, Wirklichkeit konstruieren und erzeugen (Luhmann: «Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.»).

Nach Maresch teilen die zwei Ansätze mit der Kybernetik einen gemeinsamen Ausgangspunkt, auf den sie sich noch immer beziehen. Die Wurzeln der modernen Kybernetik liegen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als sich Wissenschaftler mit dem Problem der automatischen Zielerfassung bei der Flugabwehr befassten. Dabei wurden mathematische Kommunikationskalküle entwickelt, die mal das Verhalten des Menschen (Norbert Wiener) und mal die Bewegung von Maschinen (Claude E. Shannon) vorhersagen sollten (vgl. Stefan Betschon: «Die Erfindung des Rauschens»).

Maresch kommentiert diesen gemeinsamen Ansatzpunkt und seine Ausdifferenzierung mit den Worten: «An dieser Archäologie unterschiedlicher mathematischer Kommunikationskalküle wird deutlich, warum nicht nur Systemtheorie und Medienwissenschaft unterschiedliche Attribuierungen vornehmen – psychische und soziale Systeme zum einen, Materialitäten und Nachrichtentechniken zum anderen. Und es wird auch deutlich, warum unter den Bedingungen elektronischer Kommunikation die Beziehung zwischen Computerherstellern und Usern als Theorie der Steuerung, Verfolgung und Kontrolle des Users gelesen werden muss, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Menschen oder eine Maschine handelt.»

Dieser Kommentar verweist exemplarisch auf das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen Systemtheorie und Medienwissenschaft: Während es in ersterer darum geht, die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation mittels Kommunikationsmedien wahrscheinlich zu machen, beschäftigt sich letztere mit der Frage nach der Vermachtung von Kommunikation und Gesellschaft mittels Kommunikationstechnologien.

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Halten wir am systemtheoretischen Theorieansatz fest, dann gilt es vor dem Hintergrund übergeordneter Epochentrends und mit Blick auf den aktuellen Leitmedienwechsel vom Buchdruck zum Computer Auffälligkeiten hinsichtlich der Struktur- und Kulturform sowie der Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu beobachten.

Gemäss der Theorie der Medienepochen hat die Einführung der Sprache zur Strukturform des Stammes und zur Kulturform der Grenze geführt und die tribale Gesellschaft hervorgebracht. Die Einführung der Schrift hat mit der Strukturform der Schicht und mit der Kulturform des Telos die antike Gesellschaft geprägt. Und die Einführung des Buchdrucks und der elektronischen Medien schliesslich steht für die Strukturform der Funktionssysteme und die Kulturform des Gleichgewichts sowie für die Evolution der modernen Gesellschaft (vgl. Luhmann 2015: 405ff, vgl. Baecker 2018: 61ff).

Bei dieser Beschreibung gilt es zu beachten, dass eine neue Medienepoche die vorangegangenen Epochen nicht ablöst, sondern durch ein neues Leitmedium dominiert und neue Formen die angestammten Struktur- und Kulturformen überlagert. Die Medienwissenschaften sprechen in diesem Zusammenhang vom «Rieplschen Gesetz». Ihm gemäss übernehmen verdrängte Leitmedien auf anderen Gebieten neue Aufgaben.

Nach Luhmann lassen sich mit Blick auf die Medienepochen zwei Trends erkennen: «[…] der Trend von hierarchischer zur heterarchischer Ordnung und der Verzicht auf räumliche Integration gesellschaftlicher Ordnung» (2015: 312).

An Luhmann anschliessend beschreibt Kittler in «Geschichte der Kommunikationsmedien» die Medienepochen als ein Ausdifferenzierungsprozess der Kommunikationstechniken: «Unter der luhmannschen Prämisse, dass Kommunikationstechniken eine ‹vorrangige, alles andere magnetisierende Epocheneinteilung› leistet, lässt sich plausibel machen, dass der historische Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit einer Entkopplung von Interaktion und Kommunikation gleichkam, der Übergang von Schriftlichkeit zu technischen Medien dagegen einer Entkopplung auch von Kommunikation und Information» (1993: 68).

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Kommunikationsmedien sichern die Verbreitung von Kommunikation in Raum, Zeit und Gesellschaft. Nach Baecker entwickelt die Gesellschaft dazu Strukturen, die die Verwendung dieser Medien an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Bereichen ermöglichend und einschränkend sicherstellt.

«Keine Gesellschaft», präzisiert Baecker, «lässt zu, dass Medien beliebig verwendet werden. […] Strukturelle Bedingungen bewirken, dass diese Medien […] überall, aber überall nur spezifisch eingesetzt werden können» (2018: 27). Das war bei der tribalen und der antiken Gesellschaft der Fall. Das ist in der modernen Gesellschaft der Fall. Und das wird auch in der anbrechenden nächsten Gesellschaft der Fall sein.

Mit Blick auf die zusehends dezentrierten Strukturen (Heterarchie) der gegenwärtigen Gesellschaft hält Luhmann fest, dass eine Verlagerung der Funktionsweise der Systeme auf die Ebene der Beobachtung von Beobachtung stattfinde. Dies führe zu einer Auflösung des Vertrauens in feststehende Formen der Reproduktion von Sinn. «Die Gesellschaft», so Luhmann, «scheint dabei zu sein, neue Eigenwerte auszuprobieren, die unter den Bedingungen von Heterarchie und Beobachtungen zweiter Ordnung Stabilität versprechen» (2015: 314).

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Nach Luhmann kondensiert im Zusammenwirken aller Kommunikationsmedien das, was wir alltagssprachlich Kultur nennen (2015: 409f). Wobei Kondensierung bedeutet, dass der in Kommunikationen benutzte Sinn durch Wiederholung in verschiedenen Kontexten einerseits derselbe bleibt und dass er andererseits konfirmiert und mit weiteren Bedeutungen angereichert wird. Dies führt dazu, dass durch Kondensierung und Konfirmierung in Kommunikationen ein «Verweisungsüberschuss von Sinn» produziert wird.

Mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums, so die These, wird die Produktion von Überschusssinn derart potenziert, dass die Gesellschaft zu dessen Bewältigung neue Kulturformen braucht. Bezüglich deren Analyse vermerkt Luhmann: «Eine strukturelle Analyse der möglichen Kulturformen könnte beim Problem des Vergleichs und der Kontrolle ansetzen. Die Erweiterung der Vergleichs- und Kontrollmöglichkeiten beginnt mit der Schrift und setzt sich über den Buchdruck bis zur heutigen maschinellen Informationsverarbeitung fort».

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Es liegt in der Natur der Sache, dass aus gegenwärtiger Perspektive die nächste Gesellschaft so noch nicht auf den Begriff gebracht werden kann wie die tribale, antike und moderne Gesellschaft. Eine klare Grenze zwischen den verschiedenen Medienepochen kann nicht gezogen werden. Die Brüche sind abrupt und sprunghaft. Es gibt aber auch fliessende Übergänge. Deshalb wissen wir gegenwärtig nicht, ob wir noch in der modernen oder der sogenannt spätmodernen oder bereits in der nächsten Gesellschaft leben.

Der einzige Anhaltspunkt, an dem wir uns festhalten können, ist unsere Beobachtungshypothese des Leitmedienwechsels und seinen Folgen. Da das neue Leitmedium Computer als Metapher führ das Internet und seine Dienste sowie für die an Kommunikation beteiligten Maschinen bzw. künstlichen Intelligenz angenommen wird, müssen wir davon ausgehen, dass wir uns mitten in einem Epochenwandel und damit in einer Reformation der Struktur- und Kulturform der Gesellschaft befinden. Um diesen Epochenwandel und das Anbrechen der nächsten Gesellschaft auch nur ansatzweise beschreiben zu können, braucht es eine neue Semantik der Begriffe und Ideen.

Die aktuelle Semantik der Gesellschaft lässt sich nach Luhmann anhand der beiden Begriffe der Plausibilität und der Evidenz analysieren (vgl. 2015: 548ff).

Plausibel sind demnach Begriffe und Ideen, die «unmittelbar einleuchten und im Kommunikationsprozess nicht weiter begründet werden müssen» (ebd.: 548). Es handelt sich also um Selbstverständlichkeiten, die in der Kommunikation nicht thematisiert und hinterfragt werden. Dies können beispielweise Werte sein. «Von Evidenz», so Luhmann, «kann man sprechen, wenn etwas unter Ausschluss von Alternativen einleuchtet» (ebd.).

Evidenz heisst aber noch nicht, dass Kommunikationen mit evidenten Mitteilungen blindlings akzeptiert und als Selbstverständlich angenommen werden. Luhmann hat dies bereits 1986(!) in seinem Büchlein «Ökologische Kommunikation» aufzuzeigen versucht.

Weiter erklärt Luhmann, dass sich Plausibilität oder Evidenz für semantische Strukturänderungen nur gewinnen lasse, wenn hinreichend deutlich sei, auf welche Änderungen eine Änderung in der Begrifflichkeit reagiere (vgl. 2015: 550ff). Mit Blick auf die nächste Gesellschaft [Luhmann selbst verwendet diesen Ausdruck nicht] hält er fest, dass man auf gesamtgesellschaftlicher Ebene kaum noch von einer allgemeinen Ideenevolution sprechen könne. Trotzdem sieht er abstraktere, systematisiertere und grössere Ideenkomplexe sowie deren Zurechtkommen mit mehr Unordnung voraus.

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