Fussnoten

Fussnote 18 – Kommunikation

Letzte Aktualisierung 9. September 2021.

Kommentar

Der an dieser Stelle eingeführte Kommunikationsbegriff geht auf Niklas Luhmann zurück. Er hat ihn in «Soziale Systeme» entwickelt und in seinem Aufsatz «Was ist Kommunikation?», der im Sammelband «Sozilogische Aufklärung 6» nachzulesen ist, prägnant zusammengefasst. Der systemtheoretische Kommunikationsbegriff unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von der gemeinen Vorstellung von Kommunikation. Erstens versteht Luhmann Kommunikation als geschlossenes System, das die Komponenten, aus denen es besteht, durch Kommunikation selbst erzeugt. Damit führt er neben dem biologischen und psychologischen das kommunikative System als drittes autopoietisches System ein. Luhmann hat seine Auffassung von Kommunikation als autopoietisches System mit der viel zitierten Formulierung auf den Punkt gebracht: «Nur die Kommunikation kann kommunizieren» (1995: 113). Zweitens nimmt Kommunikation in der Theorie sozialer Systeme eine besondere Stellung ein, weil nach Luhmann nicht Handlungen, sondern Kommunikationen konstitutiv für soziale Operationen sind. Damit hat er den «lingustic turn» auch in der Soziologie nachvollzogen.

Wie wir mit Blick auf Kommunikationstechnologie diskutiert haben, entwickelt Luhmann seinen Kommunikationsbegriff in Abgrenzung zur immer noch dominanten Vorstellung der Übertragung von Informationen von einem Sender zu einem Empfänger. Diesem Konzept stellt er in «Soziale Systeme» einen Kommunikationsbegriff gegenüber, der auf der Einheit der Differenz von Information, Mitteilung und Verstehen beruht (vgl. 2018a: 217f). Bei der Entwicklung seiner Auffassung von Kommunikation geht Luhmann zunächst von der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation aus. Diese identifiziert er in dreierlei Hinsichten: Wie ist Verstehen zwischen Menschen bzw. Bewusstseinssystemen überhaupt möglich? Wie können sie sich gegenseitig erreichen? Und wie kann Kommunikation überhaupt erfolgreich sein?

Auf alle drei Fragen bietet Luhmann eine Antwort: «Diejenigen evolutionären Errungenschaften, die an jenen Bruchstellen von Kommunikation ansetzen und funktionsgenau dazu dienen Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches zu transformieren, wollen wir Medien nennen. In Entsprechung zu den drei Arten der Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation muss man drei verschiedene Medien unterscheiden […]» (2018a: 220ff). Das grundlegende Medium, das Verstehen von Kommunikation ermöglicht, ist die Lautlichkeit bzw. die mündliche Sprache. Auf Basis von mündlicher Sprache und unter Anwendung von Kommunikationstechnologien haben sich zwecks Ausdehnung der Reichweite von Kommunikationen sodann Verbreitungsmedien wie Schrift, Buchdruck, elektronische und digitale Medien entwickelt. Um schliesslich den Erfolg von Kommunikation zu sichern, haben sich symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Macht, Geld, Wahrheit u.a. herausgebildet. Sie übernehmen die Funktion, die Erwartbarkeit von Anschlusskommunikation unter bestimmten Bedingungen zu steigern. «Sprache, Verbreitungsmedien und symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien», so Luhmann, «sind mithin evolutionäre Errungenschaften, die, in Abhängigkeit voneinander, die Informationsverarbeitungsleistungen begründen und steigern, die durch soziale Kommunikation erbracht werden können. Auf diese Weise produziert und reproduziert sich Gesellschaft als soziales System» (2018a: 222f).

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Kommunikation kommt durch die Synthese von drei verschiedenen Selektionen zustande, nämlich der Selektion einer Information, der Selektion der Mitteilung dieser Information und der Selektion des Verstehens dieser Mitteilung und ihrer Information (vgl. 2018a: 194ff). Dieser Vorgang lässt sich am einfachsten am sozialen System der Interaktion (Kommunikation unter Anwesenden) illustrieren. Eine sich mitteilende Person, bei Luhmann «Alter» genannt, selegiert in einem bestimmten Kontext aus verschiedenen Möglichkeiten eine Information und wählt für die Mitteilung eine bestimmte Darstellungsweise. Der Adressat, «Ego» genannt, versteht die Mitteilung, wenn er sie unter anderen informativen Ereignissen als Mitteilung selegiert. Dies tut er, indem er bei der mitgeteilten Information zwischen Information und Mitteilung unterscheidet. «Im Verstehen», so Luhmann, «erfasst Kommunikation einen Unterschied zwischen dem Informationswert ihres Inhalts und den Gründen, aus denen der Inhalt mitgeteilt wird. Sie kann dabei die eine oder andere Seite betonen, also mehr auf die Information selbst oder auf das expressive Verhalten achten. Sie ist aber immer darauf angewiesen, dass beides als Selektion erfahren und dadurch unterschieden wird» (1995: 115). Erst mit dem Verstehen also kommt Kommunikation als soziale Operation zum Abschluss. Deshalb analysiert Luhmann Kommunikation immer vom Verstehen her.

Gegen Ende seines Wirkens ahnte Luhmann, dass der von ihm eingeführte Kommunikationsbegriff mit der Einführung des Leitmediums Computer an seine Grenzen stossen würde. Er kam allerdings nicht mehr dazu, ihn zu reformulieren. Es blieb bei Beobachtungen und Spekulationen. In seiner im Wintersemester 1991/92 an der Universität Bielefeld gehaltenen Vorlesung «Einführung in die Systemtheorie» schloss er seine Einlassungen über die Kommunikation mit den Worten: «Eine letzte und ganz offene Frage, auf die ich überhaupt keine Antwort weiss, ist, ob wir mit Kommunikation auch noch dann rechnen, wenn auf Serialität verzichtet wird, wenn man Computerinformationssysteme hat, aus denen man sich fallweise etwas heraussucht, das man selbst dann neue kombiniert, und in denen nicht ein Satz auf den anderen folgt, sondern eine Information da ist und dann ein Spektrum von Verweisungen auf andere Informationen gegeben ist» (2020: 302). Und er wirft Fragen auf: «Wer kommuniziert jetzt mit wem? Eignet sich unser Begriff überhaupt noch dafür? Oder sind wir an einer Schwelle, wo man sieht, dass wichtige Informationsverarbeitungsverfahren unserer Gesellschaft schon nicht mehr als Kommunikation klassifiziert werden? Oder müssen wir den Begriff neu bilden?» (ebd.: 302).

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