Fussnoten

Fussnote 6 – Strukturformen

Letzte Aktualisierung 10. Juni 2021.

Kommentar

Es liegt in der Natur der Sache, dass aus gegenwärtiger Perspektive die nächste Gesellschaft so noch nicht auf den Begriff gebracht werden kann wie die tribale, antike und moderne Gesellschaft. Eine klare Grenze zwischen den verschiedenen Medienepochen kann nicht gezogen werden. Die Brüche sind abrupt und sprunghaft. Es gibt aber auch fliessende Übergänge. Deshalb wissen wir gegenwärtig nicht, ob wir noch in der modernen oder der sogenannt postmodernen oder bereits in der nächsten Gesellschaft leben. Der einzige Anhaltspunkt, an dem wir uns festhalten können, ist unsere Beobachtungshypothese, gemäss der die Einführung eines neuen Leitmediums zur Herausbildung neuer Struktur- und Kulturformen in der Gesellschaft führt. Da das neue Leitmedium Computer als Metapher führ das Internet und seine Dienste sowie für die an Kommunikation beteiligten Maschinen bzw. künstlichen Intelligenz angenommen wird, müssen wir davon ausgehen, dass wir uns mitten in einem Epochenwechsel und damit in einer Reformation der Struktur- und Kulturformen befinden.

Die Frage nach der adäquaten Beschreibung der nächsten Gesellschaft ist auch eine Frage nach der adäquaten soziologischen Theorie für die Beobachtung des aktuellen Epochenwechsels. Mit der Systemtheorie nach Niklas Luhmann und der Netzwerktheorie nach Harrsion C. White und Manuel Castells – um nur zwei prominente Vertreter zu nennen – werden aktuell zwei umfassende Gesellschaftstheorien diskutiert. Während die Systemtheorie die Strukturen der Verarbeitung von Sinn in Kommunikationsmedien beobachtet, fokussiert die Netzwerktheorie auf die Strukturen der Herstellung von Macht und Kontrolle auf Basis technischer Verbreitungsmedien. Erstere steht für eine zusehends funktionale Differenzierung der Gesellschaft und letztere für eine immer dichtere Vernetzung derselben. Man könnte meinen, es handle sich bei diesen zwei Ansätzen um das Leib-Seele-Problem einer umfassenden Theorie der nächsten Gesellschaft. Auf den ersten Blick scheinen die zwei Ansätze unvereinbar zu sein. Auf den zweiten Blick lassen sich mit Hilfe dieser Ansätze vielleicht die abrupten und sprunghaften Brüche und die fliessenden Übergänge im aktuellen Epochenwechsel besser nachzeichnen.

Im Anschluss an Niklas Luhmann haben Dirk Baecker und Armin Nassehi unterschiedliche Ansätze für eine systemtheoretische Theorie der nächsten Gesellschaft bzw. der digitalen Gesellschaft vorgelegt. Mit Blick auf die gesellschaftliche Strukturform der modernen Gesellschaft knüpfen beide an der von Luhmann entworfenen Theorie der funktionalen Differenzierung an.

Baecker führt die Emergenz dieser Strukturform in «4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt» auf die Einführung des Buchdrucks zurück. Die mit Hilfe des Buchdrucks hergestellten Bücher, Flugblätter, Zeitungen etc. produzierten nach Baecker ein «kritisches Vergleichswissen», dem das traditionelle Wissen der antiken Gesellschaft mit ihren hierarchischen Strukturen nicht standhielt (2018: 31ff). Da keine Gesellschaft eine beliebige Verwendung eines neuen Mediums zulässt, entwickelt sie jeweils für dessen produktive Nutzung spezifische Strukturen. Also reagiert die moderne Gesellschaft auf den explodierenden Kritiküberschuss des Buchdrucks mit der Ausdifferenzierung sogenannter Funktionssysteme (Politik, Wirtschaft, Erziehung etc.), die Kritik gemäss ihrer eigenen Systemlogik nutzbar macht (Demokratie, Wettbewerb, Bildung etc.). «Die Folgen für den Rest der Gesellschaft», so Baecker, «sind dramatisch, weil diese Funktionssysteme nicht deckungsgleich zu den alten Ständen liegen, sondern unabhängig von Geburt und Stand die Individualisierung der Menschen erzwingt, die sich an diesen Funktionssystemen beteiligen» (2018: 33). Die grosse Transformation von der antiken zur modernen Gesellschaft wäre ohne erfolgreiche Integration der Menschen in diese Funktionssysteme nicht möglich gewesen. Mit ihr gingen die drei grossen Revolutionen der Moderne, die demokratische, industrielle und pädagogische Revolution, einher. Gemäss der Theorie der Medienepochen müsste sich mit der Einführung des Computers als neues Leitmedium auch eine neue Strukturform herausbilden. Mit Verweisen auf die Arbeiten von Netzwerktheoretikern wie Manuel Castells, Harrison C. White und Bruno Latour stellt Baecker auch fest: «Die Sozialwissenschaften haben auf diese Frage gegenwärtig nur eine Antwort. Die Struktur der nächsten Gesellschaft ist die des Netzwerks» (2018: 35). In einem jüngeren Aufsatz diskutiert Baecker den aktuellen Strukturwandel mit Blick auf die COVID-19-Pandemie. In «Corona I: Die pulsierende Gesellschaft» hält er fest: «Die Gesellschaft reagiert offenbar nicht nur im Modus der Kompetenzen ihrer Funktionssysteme und hier insbesondere nach den Vorgaben des Gesundheitssystems, sondern zugleich und sowohl konträr als auch komplementär dazu im Modus einer Netzwerkgesellschaft. Nicht zuletzt mit dem Blick auf die begrenzten Kapazitäten ihrer Krankenhäuser zählt sie, wer dazugehört und wer nicht. Sie inkludiert und exkludiert.» Demnach wirken Funktionssysteme und Netzwerke gegenwärtig «konträr» und «komplementär» zueinander und üben eine inkludierende bzw. exkludierende Funktion aus. Wenn, so die irritierende Aussicht von Baecker, die Netzwerke zur dominanten Struktur werden, dann stelle die Gesellschaft vom Normalfall der Inklusion auf den Normalfall der Exklusion um.

Armin Nassehi nimmt in «Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft» eine zu Baecker völlig konträre Position ein. Denn er versucht in seinem Buch aufzuzeigen, wie die Strukturen der Digitalisierung nahtlos in die moderne Gesellschaft passen. Die Digitalisierung, so Nassehi, führe zwar zu Störungen der Routinen der modernen Gesellschaft. Diese Störungen gingen aber nicht so weit, dass sie die Funktionssysteme aushebeln würden. Nassehi interpretiert den aktuellen Leitmedienwechsel bzw. die Digitalisierung anders als Baecker, indem er behauptet, dass Menschen und Funktionssysteme überall Datenspuren hinterlassen, die neue Voraussetzungen für das Funktionieren der modernen Gesellschaft schaffen. «Noch mehr als durch den Buchdruck», so Nassehi, «erzeugen die anfallenden Daten eine selbstreferentielle Struktur rekombinierbarer Formen, die in der Lage sind, die Gesellschaft so zu verdoppeln, dass es sich auf die Sinnverarbeitungsregeln der Gesellschaft auswirkt» (2019: 141). Diese digitale Verdoppelung der Welt wiederum dient der Gesellschaft der Selbstbeobachtung, um in Form von Mustern bisher unsichtbare Praktiken zu entdecken und diese nutzbar zu machen. Aufgrund dieser – hier grob skizzierten – Überlegungen kommt Nassehi zum Schluss: «Digitalität ist eine technische Form […], deren Struktur ein ähnliches Ordnungsproblem löst wie die Funktionssysteme der modernen Gesellschaft: auf dem Boden eines einfältigen Mediums vielfältige Formen zu entwickeln. Da die Digitaltechnik exakt so gebaut ist und exakt dies kann, ist sie für die moderne Gesellschaft in dieser Weise anschlussfähig. Eine anders gebaute Gesellschaft hätte keine Verwendung für die Digitaltechnik gehabt» (2019: 177). Deshalb subsummiert Nassehi die Digitalisierung unter den Funktionssystemen und hält an ihnen als Strukturform fest. Und deshalb erklärt Nassehi auch jeglichen Widerstand gegen die Digitalisierung für aussichtslos. Diese Lesart der Digitalisierung, so ein möglicher Einwand gegen Nassehi, impliziert allerdings, dass sich soziale Systeme und deren ausdifferenzierten Teilsysteme wie «triviale Maschinen» im Sinne Heinz von Foersters verhalten. Denn die durch Selbstbeobachtung entdecken Muster könnten wohl nur nutzbar gemacht werden, wenn die Systeme nach fixen Transformationsregeln bei demselben Input immer denselben Output lieferten.

In seiner Rezension «Auf dem Weg zu einer Theorie der digitalen Gesellschaft» kritisiert Baecker Nassehi in verschiedenen Punkten. Zwei Punkte sollen hier aufgenommen werden: Erstens bestreitet Baecker, dass gemäss der von Nassehi interpretierten Unterscheidung zwischen Medium und Form mit Blick auf die Digitalisierung von einem Funktionssystem gesprochen werden kann: «Zumindest soziologisch sind digitale Medien daher nicht als System eigenen (‹autopoietischen›) Rechts zu analysieren, sondern als Medien des Systems ‹Gesellschaft›». Zweitens hält Baecker an seiner Beobachtung fest, dass mit der Netzwerkstruktur die Sachordnung der Funktionssysteme auf dem Prüfstand stehe: «Nach wie vor sind wirtschaftliche als wirtschaftliche, politische als politische, wissenschaftliche als wissenschaftliche und so weiter Sachverhalte gut zu erkennen und gut zu unterscheiden. Aber das Bewusstsein nicht nur für Interdependenzen, sondern vor allem für wechselseitige Konstitutionszusammenhänge wächst und stellt ein spezifisch modernes Rationalitätsmuster in Frage. Möglicherweise werden Ausdifferenzierung und Reproduktion sozialer Systeme anhand von Identitätsclustern und Kontrollprojekten im Sinne von Harrison C. White wahrscheinlicher als die dynamische Ordnung von Gesellschaft durch die Zuordnung von Individuen auf Konstellationen symbolisch generalisierter Medien, wie sie Talcott Parsons der hierarchischen Struktur traditioneller Gesellschaften gegenübergestellt hat. In diesem Zusammenhang wäre der Rolle von Organisation, Interaktion und Protestbewegung, immerhin Elemente einer Gesellschaft als Insgesamt aller Kommunikation, mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als es Nassehi in diesem Buch für nötig hält. Alle drei Ebenen der Systembildung operieren per se ausserhalb der Ordnung der Funktionssysteme, wenn auch in wechselnder Strenge auf diese Ordnung bezogen und von ihr angeregt.»

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In seinem Buch «Communication Power» setzt auch Manuel Castells an einer historischen Betrachtungsweise an. Im Unterschied zu Luhmann/Baecker stellt er allerdings seine Hypothese der aufkommenden Dominanz von Netzwerken nicht auf die Einführung eines neuen Verbreitungsmediums, sondern auf den technologischen Wandel ab (2009: 19ff). Netzwerke sind nach Castells keine neuen Phänomene, sondern existieren seit es Leben gibt. Als soziale Strukturformen lassen sie sich bis in die Antike zurückverfolgen. Historisch betrachtet hat sich die Gesellschaft jedoch immer hierarchisch organisiert. Die Dominanz hierarchischer Organisationen über horizontale Netzwerke, so die Hypothese von Castells, war materiellen Grenzen geschuldet. Grenzen, die vor allem mit der Verfügbarkeit von Technologie zu tun hatten. Castells hält denn auch fest, dass Netzwerkstrukturen im Vergleich zu hierarchischen Organisationen («command-and-control structures») weniger effizient seien. Er relativiert diese Aussage aber mit dem entscheidenden Hinweis: «under the conditions of pre-electronic communication technology» (2009: 22). Erst die technischen Möglichkeiten der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien haben Netzwerkstrukturen zum Durchbruch verholfen, und zwar wegen ihrer Flexibilität (Anpassung an die Umwelt), Skalierbarkeit (Anpassung der Grösse) und Überlebensfähigkeit (Reproduktion der Leistungsfähigkeit). Zudem hat insbesondere das Internet die Transaktionskosten von Kommunikation auf ein historisches Tief gesenkt. Daraus folgert Castells: «It was because of available electronic information and communication technologies that the network society [Hervorhebung, CMS] could deploy itself fully, transcending the historical limits of networks as forms of social organization and interaction» (2009: 24).

Netzwerke definiert Castells als komplexe Kommunikationsstrukturen, die sich um ein Bündel von Zielen aufbauen und durch ihre Anpassungsfähigkeit an die Umwelt gleichzeitig die Einheit ihres Zwecks und die Flexibilität in der Umsetzung sicherstellen. Wobei die Ziele und Abläufe in sozialen und organisatorischen Netzwerken von sozialen Akteuren programmiert werden. Und die Strukturen sich entsprechend der Fähigkeiten von Netzwerken entwickeln, sich in einer endlosen Suche nach Netzwerkarrangements selbst zu konfigurieren (vgl. 2009: 21). Netzwerke, als ein Bündel von Zielen («interests and values»), kooperieren oder konkurrieren einander. Kooperation beruht auf der Fähigkeit, zwischen den Netzwerken zu kommunizieren (Übersetzungscodes, Interoperabilität, Zugang zu Anschlusspunkten). Und Konkurrenz beruht auf der Fähigkeit, andere Netzwerke zu überbieten (Effizienz, Kooperationen). Im Unterschied zu Funktionssystemen, die interessen- und wertneutral möglichst viele Menschen in Politik, Wirtschaft, Erziehung etc. zu integrieren versuchen, haben wir es demnach bei Netzwerken mit interessen- und wertegebundenen Organisationsformen zu tun, die gleichzeitig inkludierend und exkludierend wirken.

In der aktuellen Netzwerktheorie konkurrieren zurzeit zwei Ansätze. Einerseits die sogenannte Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), die stark von Bruno Latour geprägt worden ist, und andererseits die sogenannte Phänomenologische Netzwerktheorie (PNT), die wesentlich von Harrison C. White entwickelt worden ist. Letztere verfügt über interessante Anknüpfungspunkte zur Systemtheorie, weshalb die wichtigsten Aspekte hier kurz skizziert werden sollen. Herausfordernd dabei ist, dass White einen eigentümlichen Sprachgebrauch pflegt und eine neue Begrifflichkeit in die Soziologie einführt. Nicht zuletzt deshalb wurden seine Arbeiten bisher – vor allem im deutschen Sprachraum – noch wenig antizipiert.

Als Ausgangspunkt für eine kurze Beschreibung der Phänomenologischen Netzwerktheorie nehmen wir den Begriff der Beziehungen («ties»). Denn Netzwerke, so erklärt White in seinem Hauptwerk «Identity and Control», bestehen nicht aus Knoten («identities»), sondern aus den Beziehungen zwischen den Knoten (Relationale Soziologie): «Ties portray connections, but these need not be once-and-for-all interconections among fixed identities. Ties always reflect but also are implicated in activity, as seen by observers as well as participants» (2008: 28). Zum einen versteht White Beziehungen also nicht als starre, sondern wie die Systemtheorie als dynamische Strukturen. Zum anderen reflektieren Beziehungen einerseits immer beobachtbare Aktivitäten und andererseits sind Beziehungen immer in teilnehmende Aktivitäten verwickelt. Die Konstitution von Beziehungen erfolgt nach White über Geschichten («stories») und werden auch nur durch diese Geschichten beobachtbar. So entstehen und verändern sich soziale Strukturen in Netzwerken genauso wie in Systemen immer im Verlauf von Kommunikationen. Und Kommunikationen, darin sind sich White und Luhmann einig, sind sinnprozessierende Operationen, in denen sich Erwartungsstrukturen ausbilden.

Im Unterschied zur tribalen, antiken und modernen Gesellschaft sind Beziehungen heute vielfältiger, fragiler und dynamischer geworden. Im Anschluss an Castells lässt sich dieser Wandel der Beziehungsstrukturen mit der Einführung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien erklären. Aber auch Luhmann weist auf eine historisch bedingte Lockerung der Beziehungsstrukturen in der modernen Gesellschaft hin: «‹Lockerung der internen Bindungen› in sozialen Systemen kann natürlich nicht heissen, dass de Menschen von den sozialen Bindungen ihres Lebens unabhängiger werden. Wahrscheinlich trifft eher das Gegenteil zu. Aber ihre Lebensführung wird weniger stark durch soziale Typisierungen, die innerlich verpflichten, festgelegt. Die Bindungen, auf die man sich einlässt, können mehr oder weniger autonom gewählt werden, und dieser Ursprung bleibt in Erinnerung. Das Wort ‹Bindungen› ist also genau zu nehmen. Gemeint ist das, was relativ zufälligen Ereignissen (früher eher: Geburt; heute eher: eigene Wahl) Dauer schafft und als Prämisse eigenen Verhaltens beibehalten wird» (2018: 544).

Bindungen bzw. Beziehungen resultieren nach White aus den Bestrebungen von Identitäten, in einer komplexen Welt turbulente Kontexte zu kontrollieren («control») und so einen Halt oder Platz («footing») zwischen den anderen Identitäten zu finden. In ihrer lesenswerten Einführung in die Netzwerktheorie weist Iris Clemens darauf hin, dass «control» bei White nicht so negativ konnotiert ist wie der Begriff Kontrolle im deutschen Sprachgebrauch. So erklärt sie in «Netzwerktheorie und Erziehungswissenschaften», dass «control» bei White vielmehr als ein Bemühen denn als eine Ausübung von Macht zu verstehen sei. Deshalb übersetzt sie «control» in ihrem Buch vorzugsweise mit dem Begriff der «Steuerungsanstrengung» (2016: 103). Baecker verwendet in diesem Zusammenhang vorzugsweise den Begriff der Kontrollprojekte. Mit Blick auf das Problem der doppelten Kontingenz lässt sich in diesem Punkt eine weitere Parallele zur Systemtheorie ziehen.

Die Steuerungsanstrengungen von Akteuren haben zwei – nicht unwesentliche – Nebenprodukte zur Folge, nämlich Identität und Netzwerke. «Identities», so White, «trigger out of events – that is to say, out of switches in surroundings – seeking control over uncertainty and thus over fellow identities. Identities build and articulate ties to other identities in network-domains» (2008: 2). Identität – und das ist prima vista eine irritierende Behauptung – zeichnet sich nach White nicht durch statisches Sein oder Bewusstsein, sondern durch den dynamischen Wechsel zwischen Netzwerkdomänen aus. Erst die mit einem Wechsel des Kontextes einhergehenden Steuerungsanstrengungen bilden temporär Identitäten. Identitätslosigkeit ist der Normalfall. Und Identitätsbildung ist der Ausnahmefall. In diesem Punkt unterschiedet sich Whites Ansatz klar von der Systemtheorie, in welcher autopoietische Systeme durch die Abgrenzung von Umwelt ihr Identität fortlaufend reproduzieren. Gemeinsam ist den beiden Theorien jedoch, dass Identitäten aus Personen, Gruppen oder Organisationen bzw. aus psychischen und sozialen Systemen bestehen können. Ihnen allen können Kommunikationen bzw. Handlungen zugerechnet werden.

Neben Identitäten konstruieren Akteure in ihren Steuerungsanstrengungen auch Netzwerke, indem sie in sogenannten Netzwerkdomänen Bindungen zu anderen Identitäten aufbauen, diese zur Sprache bringen und so Spuren hinterlassen. Demnach bilden Netzwerke phänomenologische Realitäten, indem sie einerseits soziale Wirklichkeit konstituieren und andererseits Gegenstand von Berichten («stories») sind. Bezüglich Emergenz und Verselbständigung von Netzwerken besteht ebenfalls eine Ähnlichkeit zur zentralen Stellung von Kommunikation und Autopoiesis in der Systemtheorie. White selbst erklärt: «Luhmann in his general theory (1995) takes a parallel road of deriving social organization with the use of a single term; and his ‹communication›, like netdom, presupposes the mixture of relation and topic, plus understanding» (2008: 7).

Zentraler Begriff bei White ist in diesem Zusammenhang die Netzwerkdomäne («netdom»). Es handelt sich dabei um ein Kofferwort: «Die Silbe net», erklärt Clemens, «leitet sich ab von dem Begriff des Netzwerkes und bezeichnet die sozialen Beziehungen, die zusammen Netzwerke bilden. Die zweite Silbe des dom steht für Domäne und bezeichnet einen Bereich von Themen, die im spezifischen Netzwerk geteilt und verhandelt werden» (2016: 70f). So werden unter Verweis auf die Interdependenz von sozialer und symbolischer Ebene im Kofferwort «netdom» auch Sozial- und Sachdimension (vgl. Luhmann: 2018) und Struktur- und Kulturform (vgl. Baecker: 2018) und Beziehungs- und Inhaltsaspekte (vgl. Watzlawick et al.: 2017) und nicht zuletzt Sein und Sinn im Sinne eines ontosemiologischen Leitmediums (vgl. Hörisch: 2009) auf den Begriff gebracht. Gemäss obigem Zitat von White gehören Akteure verschiedenen Netzwerkdomänen an, zwischen denen sie einerseits hin und her wechseln («switching») und in die sie andererseits mit ihrer kontextspezifischen Identität eingebettet («embeddings») sind.

Netzwerke schliesslich sind nach White sogenannte Übersichtsberichte («overview reports») über die Dynamik sich überlappender Netzwerkdomänen. «Das Netzwerke eines Akteurs», so Clemens, «berichtet über diese Überlappung der verschiedenen Netzwerk-Domänen, zwischen denen er wechselt und die ihn als immer einmaligen Akteur ausmachen, die ihm damit Identität geben» (2016: 72). Diese knappen Hinweise auf die Phänomenologische Netzwerktheorie sollen an dieser Stelle ausreichen, um abschliessend auf Netzwerke als gesellschaftliche Strukturform zurückzukommen.

Die Emergenz sozialer Gesellschaftsstrukturen erklärt White anhand seines Konzepts der Disziplinen. «Disciplines», so White, «are self-constituting conveners of social action, which each induce an identity on a new level […] they are as important as networks. Disciplines build around commitments that constrain constituent identities, very different from networks with their flexible sets of stories. Disciplines are concepts about processes rather than about structure in sociocultural life. Depending on which discipline is at work, control struggles take place according to different rules an in different frames» (2008: 8). Während Netzwerke also flexible Strukturen aufweisen, bilden Disziplinen auf Basis von Übereinkünften und Verpflichtungen eine höhere Stabilität. Sie reduzieren Komplexität, stabilisieren Erwartungen und führen so zu sozialer Ordnung. Ähnlich wie bei Castells (Programme) verfolgen Disziplinen immer spezifische Ziele. Dadurch disziplinieren sie quasi die Steuerungsanstrengungen der beteiligten Akteure. Sie sind in ihrer Reichweite beschränkt und in eine Umwelt eingebettet, an die sie sich adaptieren. Auch Disziplinen sind Akteure, deren Verwicklung in Beziehungen bzw. Netzwerke und die damit einhergehenden Steuerungsanstrengungen ihnen eine eigene Identität verleiht. White unterscheidet drei Formen von Disziplinen: «Each genre of discipline points to its prototype process: participants commit to producing flows in interface, whereas in council they mediate among proposals, and in arena they select form candidates» (2008: 65). In Interfaces dominiert der Prozess der Produktion von Gütern, in Konzilen der Prozess der Verhandlung von Positionen und in Arenen schliesslich der Prozess der Inklusion und Exklusion von Akteuren.

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Obwohl in der aktuellen Forschung immer wieder von einer Zusammenführung von System- und Netzwerktheorie die Rede ist, ist der grosse Wurf bisher ausgeblieben. Dieses Unvermögen ist vermutlich der Mächtigkeit der beiden Theorieentwürfe geschuldet. Es steht also bis auf weiteres die Frage im Raum, welche soziale Strukturform die nächste Gesellschaft dominieren wird. Konsens besteht darüber, dass sowohl Systeme als auch Netzwerke soziale Wirkung entfalten und als Phänomene beobachtbar und beschreibbar sind. Dissens hingegen herrscht darüber, in welcher Beziehung diese Strukturformen zueinanderstehen.

In seinem Übersichtsaufsatz «Verbindungen und Grenzen» (2011) identifiziert Jan Fuhse in der aktuellen Diskussion unter Systemtheoretikern zwei Grundpositionen, die sich an der Unterscheidung zwischen operativ geschlossenen Systemen und auf Verbindung aufbauenden Netzwerken abarbeiten. Dabei werden Netzwerke einerseits als Systeme oder als eine Spezialform von Systemen betrachtet, die eine Sinngrenze zwischen Innen und Aussen etablieren und Anschlusskommunikation anhand eines gemeinsamen inhaltlichen Fokus konditionieren. Andererseits werden Netzwerke auch als soziale Strukturphänomene beobachtet, die sich komplementär zu sozialen Systemen wie Interaktion, Organisation und Funktionssysteme verhalten. «Insgesamt», so urteilt Fuhse, «tut sich also die Systemtheorie schwer mit einer Modellierung sozialer Netzwerke und mit deren Einordnung in die Theoriearchitektur. Dies liegt wohl wesentlich daran, dass der auf Geschlossenheit setzende Systembegriff dem prinzipiell unabgeschlossenen Netzwerkkonzept entgegensteht» (2011: 315). Fuhse selbst bringt in der Diskussion eine dritte Perspektive ins Spiel. Zusammen mit Boris Holzer vertritt er die Position, dass Netzwerke sowohl innerhalb der Funktionssysteme als auch zwischen ihnen zu finden sind (vgl. 2011: 320). Das würde bedeuten, dass sich einerseits Akteure aus verschiedenen Funktionssystemen (z.B.: Politik, Wirtschaft, Medien etc.) untereinander vernetzen und dass sich andererseits Akteure innerhalb ihres Funktionssystems (z.B.: Manager verschiedener Unternehmen) miteinander verbinden.

Allen drei Grundpositionen über das Verhältnis von Systemen und Netzwerken liegt die zentrale Frage nach den Grenzen zugrunde: Als operativ geschlossene und gleichzeitig kommunikativ offene, autopoietische Systeme grenzen sich Systeme von ihrer Umwelt ab. Doch wie sieht das bei den «prinzipiell unabgeschlossenen Netzwerken» (Fuhse) aus? Haben sie überhaupt Grenzen? Und wenn ja, lassen sich daraus Rückschlüsse auf das Verhältnis von Systemen und Netzwerken ziehen? An diesen Fragen forscht Athanasios Karafillidis und beleuchtet mit seinen Arbeiten die Fragestellung aus einer neuen Position. Seine grundlegenden Überlegungen sollen hier kurz am Aufsatz «Entkopplung und Kopplung. Wie die Netzwerktheorie zur Bestimmung sozialer Grenzen beitragen kann» (2009) skizziert werden.

Netzwerke, so die überraschende These von Karafillidis, haben keine Grenzen, sondern sie sind Grenzen. Diese These begründet Karafillidis näher, indem er zuerst die Operation der Grenze bestimmt, diese Operation anhand der Zwei-Seiten-Form von George Spencer-Brown formalisiert und abschliessend die Gleichheit von Grenzen und Netzwerken postuliert. Die typische Operation der Grenze lässt sich nach Karafillidis an der Unterscheidung von Trennung und Verbindung bestimmen, wobei jede Trennung immer auch verbindet und jede Verbindung immer auch trennt.

An diese Unterscheidung anschliessend, schlägt Karafillidis vor, die Operation der Grenze – im Sinne von Spencer-Brown – als Form von Kopplung und Entkopplung zu bestimmen. «Ausgehend von dieser Unterscheidung», so Karafillidis, «lässt sich nun jedes interessierende Phänomen und jeder Untersuchungsgegenstand im Hinblick auf seine Grenze beobachten, und zwar auch dann, wenn die entsprechende Grenze gerade nicht offensichtlich ist oder nicht thematisiert wird» (2009: 8).

Der hier verwendete Formbegriff von Spencer-Brown zeichnet sich durch verschiedene Eigentümlichkeiten aus. Die wichtigsten sind: Eine Unterscheidung wie Kopplung und Entkopplung ist immer das Produkt einer Beobachtung eines Beobachters. Die von Beobachter getroffene Unterscheidung trennt zwar die Beobachtung in zwei Seiten (Kopplung/Entkopplung), verweist aber gleichzeitig auf deren untrennbaren Zusammenhang. Mit dem Treffen einer Unterscheidung führt der Beobachter eine Grenze ein und bezeichnet jeweils eine Seite dieser Grenze, zum Beispiel Kopplung oder Entkopplung. Würde er gleichzeig beide Seiten bezeichnen, wäre die Unterscheidung sinnlos. Die Grenze der Unterscheidung selbst ist grundsätzlich unbestimmt. Erst der Beobachter bestimmt die eine oder die andere Seite. Und diese Bestimmung kann sich von Beobachter zu Beobachter und von Zeit zu Zeit ändern. Bezeichnet nun der Beobachter mit der Unterscheidung Kopplung und Entkopplung die Form einer sozialen Grenze, so hat er nur die Seite mit der Entkopplung im Blick.

(Abbildung nach Karafillidis 2009: 16)

Die gleiche Formalisierung wendet nun Karafillidis unter Bezugnahme auf die Arbeiten von White auf Netzwerke an. Gemäss White operieren auch Netzwerke mit der Unterscheidung Kopplung und Entkopplung. Der entscheidende Punkt liegt aber darin, dass der Beobachter beim Bezeichnen eines sozialen Netzwerkes mit dieser Unterscheidung die Seite der Kopplung in Blick nimmt.

(Abbildung nach Karafillidis 2009: 21)

«Ein Netzwerk», so erklärt Karafillidis, «ist ein fortlaufender, unabschliessbarer Prozess von Kopplung und Entkopplung in einem zunächst unbestimmten, aber in diesem Prozess bestimmbaren Kontext (die unmarkierte Aussenseite der Form). Das heisst jede Kopplung kann nur im Kontext von Entkopplungen vorgenommen werden und ist nur so möglich und jede Entkopplung setzt Kopplung voraus, um überhaupt Sinn zumachen und durchgeführt werden zu können» (2009: 21).

Mit der Formalisierung von sozialen Grenzen und sozialen Netzwerken hat Karafillidis aufgezeigt, dass Grenzen und Netzwerken die gleiche Unterscheidung zugrunde liegen. Der Unterschied, der einen Unterschied macht, ist die Perspektive des Beobachters: Beobachtet er Kopplungen (Beziehungen, Bindungen, Inklusion), dann sieht er Netzwerke; Beobachtet er Entkopplungen (Unbestimmtheit, Exklusion), dann sieht er Grenzen.

Was haben wir nun bezüglich die Frage nach dem Verhältnis von Systemen und Netzwerken gewonnen? Karafillidis selbst sieht seine bisherige Forschung nicht als Antwort auf dieser Frage, sondern als Ausgangspunkt für weiter Beobachtungen: «Das Problem der Grenze (oder allgemeiner: das Problem der Formen)», so Karafillidis, «erweist sich somit auch als entscheidender Artikulationspunkt von System und Netzwerk. Will man etwas über die Reproduktion einer Grenze wissen, ist es ratsam, auf die Systemtheorie zurückzugreifen […], will man hingegen eine Grenze als Grenze erkunden, ist die Netzwerktheorie massgebend» (2009: 26). Und er ergänzt: «Eine Kombination der Einsichten von Netzwerk- und Systemtheorie ist nicht in Form von Analogien zu leisten. Gerade in Bezug auf Grenzen ist es besonders wichtig, Systeme und Netzwerke strikt voneinander zu unterscheiden […] Es wird daher ein Kombinations- und Vergleichsgesichtspunkt gebraucht, der eine wechselseitige Generalisierungs- und Respezifikationsbewegung in Gang setzen kann […] Wenn eine solche Kombination von Netzwerk- und Systemtheorie über das Problem der Grenze gelingt, lässt sich auch Luhmanns Vermutung wieder aufgreifen, dass Grenzen weder zum System noch zur Umwelt gehören, sondern etwas Drittes sind (Luhmann 1984: 53f.)» (ebda.). Luhmann schreibt an besagter Stelle: «Grenzen können für diese Funktion des Trennens und Verbindens als besondere Einrichtungen ausdifferenziert werden. Sie nehmen dann genau diese Funktion durch spezifische Selektionsleistungen wahr […] Beim abstrakten Grenzbegriff, beim Begriff einer blossen Differenz zwischen System und Umwelt, kann man nicht entscheiden, ob die Grenze zum System oder zur Umwelt gehört. Die Differenz selbst ist, logisch gesehen, etwas Drittes» (2018: 53).

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Beobachtungen

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