Fussnoten

Fussnote 3

Letzte Aktualisierung 29. Dezember 2020.

Kommentar

Manuel Castells unterscheidet in «Communication Power» zwischen Massenkommunikation und Massenselbstkommunikation (2009: S.55). Erstere setzt er mit One-to-Many-Kommunikation (1:n) und Letztere mit Many-to-Many-Kommunikation (n:n) gleich. Wobei Castells Massenselbstkommunikation durch folgende Merkmale präzisiert:

  • Sie ist eine Form der Massenkommunikation, weil potenzieller Weise ein globales Publikum erreicht werden kann.
  • Und sie ist eine Form der Selbstkommunikation, weil Mitteilungen selbst produziert, die Definition der Adressaten selbst bestimmt und die Abfrage spezifischer Mitteilungen selbst gewählt wird.

Massenkommunikation wird traditionellerweise Massenmedien wie Buch, Zeitung, Zeitschrift, Radio, Kino und Fernsehen zugeschrieben, während Massenselbstkommunikation namentlich durch das World Wide Web (Blogs, Wikis, Social Media, Messenger, etc.) möglich geworden ist.

Manuell Castells Definition der Massenselbstkommunikation müsste hinsichtlich der Tatsache revidiert werden, dass heute viele Dienste des Internets mit Hilfe von Algorithmen die Datenströme steuern bzw. nach intransparenten Kriterien selegierend in die Kommunikation eingreifen. Damit wird die selbstbestimmte Kommunikation auf fragliche Art und Weise eingeschränkt.


Bekanntlich hat Tim Berners-Lee an der Forschungseinrichtung CERN das World Wide Web entwickelt. Die Idee dazu stellte er 1989 in einem «Proposal» vor. Darin schreibt er: «Finally, it [the proposal] suggests steps we should take to involve ourselves with hypertext now, so that individually and collectively we may understand what we are creating.» Am Anfang des Webs stand also die Idee, den fortdauernden Verlust an organisationalem Wissen zu stoppen und mit einer neuen Form der kollaborativen Zusammenarbeit neue Zugänge zur Selbstbeschreibung und Selbstbeobachtung der Organisation zu schaffen.

Die Kommerzialisierung des Webs hat dessen ursprüngliche Intention in den Hintergrund gedrängt. Als prominentes Beispiel für das kollaborative Arbeiten am Hypertext gilt heute Wikipedia. Mit dem sogenannten Edit-War manifestiert sich an Wikipedia allerdings auch die Grenze des kollaborativen Arbeitens. Dies mag verschiedene Gründe haben. Einer davon kann darin liegen, dass elektronische Massenmedien (inkl. Internet) eben nicht homogene Massen, sondern Massen von Differenzen hervorbringen (vgl. «Ontosemiologischen Leitmedien»).

Mit Blick auf das Mediensystem Internet arbeitet Stefan Münker in seinem Büchlein «Emergenz digitaler Öffentlichkeiten» eine bemerkenswerte Unterscheidung zu den klassischen Verbreitungsmedien aus. «Medien», so Münker, «sind ein unhintergehbares (technisch-materielles) Apriori all der Aktionen, die wir mit und in ihnen durchführen, ebenso wie all der Erlebnisse, die wir dank ihrer erfahren. Medientechnische Rahmenbedingungen gestalten Möglichkeitsräume für je nach Medium spezifisch unterscheidbare Handlungs- und Kommunikationsweisen» (2009: S.56). Münker warnt allerdings davor, aus dem Apriori der Medien einen naiven medientechnischen Determinismus für die Kultur- und Strukturformen einer Gesellschaft abzuleiten. Dieser Hinweis gilt es insbesondere mit Blick auf die Theorie der Medienepochen zu beachten. Gründe dafür nennt er zwei: Zum einen sind Medien in ihrem Gebrauch ambivalent. So können Massenmedien einerseits Demokratien, andererseits aber auch Diktaturen stärken. Zum anderen entwickeln sich Medien in einem historischen Prozess: «Medien entstehen im Lauf einer Geschichte, in der sich die Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten und die Akzeptanz dieser Optionen durch die Mediennutzer immer schon wechselseitig bedingen und allein in diesem Zusammenspiel weitere Veränderungen bestimmen» (2009: S.59).

Die zentrale Unterscheidung, auf die Münker hinauswill und die seines Erachtens eine «medienhistorische Zäsur» markiert, sieht er im Aufkommen des Computers. Denn es handle sich dabei um ein technisches Gerät, das in der Lage sei, alle andere Verbreitungsmedien zu simulieren. In der Konsequenz führt dies dazu, dass sich die medientechnischen Rahmenbedingungen der klassischen Verbreitungsmedien auflösen und sich die Möglichkeitsräume vervielfachen. Wenn die Technik aber keine Grenzen mehr setzt, dann liegt es an den Nutzerinnen und Nutzern, diese zu erkunden und voranzutreiben. Diese Beobachtung führt Münker zum Schluss: «Digitale Medien determinieren ihren Gebrauch nicht; digitale Medien entstehen erst durch ihren Gebrauch!» (2009: S.27).

Beobachtungen

Nach den obigen und den Ausführungen in Fussnote 2 stellt sich die Frage, wie das Internet und seine Dienste mediensoziologisch einzuordnen sind. In Anlehnung an die Luhmannsche Systemtheorie hat Hans Dieter Huber 1999 in einem Vortrag den Vorschlag gemacht, das Internet und seine Dienste als ein operational geschlossenes System zu betrachten. Operational geschlossene Systeme können bekanntlich ausserhalb ihrer Grenzen nicht operieren, dafür aber Kommunikationsangebote an ihre Umwelt machen. Besonders dabei ist, dass wir es in diesem spezifischen Fall nicht mit einem homogenen Mediensystem, sondern mit einem Medienverbund zu tun haben (vgl. «Pragmatische Wende»). «Als Medienverbund», so Huber, «ist das Internet ein System aus operational geschlossenen Festspeichern, in denen informierte Materie bzw. materialisierte Informationen bereitliegen. Aber es ist ein geschlossener Speicher. Nichts dringt hinein, nichts dringt heraus. […] Alles was passiert, passiert innerhalb des Systems, das auf dieser Ebene keinerlei Verbindung mit seiner Umwelt besitzt» (1999). Ohne Austausch mit der Umwelt wäre das Web also nichts Anderes als ein geschlossenes Archiv, indem Computer wie Archivare die eigenen Datenbestände indexieren und sortierten.

Die Kommunikation zwischen dem Mediensystem Internet und seiner Umwelt wird nach Huber über Schnittstellen ermöglicht, die eingehende Informationen in die Sprache des Systems – sprich Daten – übersetzen bzw. ausgehende Informationen zurückübersetzen. Mit Hilfe dieser sensorischen (Tastatur, Maus, Touchscreen, Sensor,etc.) und effektorischen (Bildschirm, Lautsprecher, Drucker, etc.) Schnittstellen unterhält das Mediensystem den Kontakt zur Umwelt. Zu ergänzen ist aus heutiger Sicht, dass das Internet mit dem Internet of Things (IoT) die Grenze zwischen System und Umwelt immer mehr ausweitet.

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