Fussnoten

Fussnote 19 – Verstehen

Letzte Aktualisierung 11. Januar 2022.

Kommentar

Der Kommunikationsbegriff nach Niklas Luhmann beruht auf der Einheit der Differenz von Information, Mitteilung und Verstehen. Weil diesem Begriff gemäss Kommunikation erst mit dem Verstehen als soziales Ereignis zum Abschluss kommt, wird sie immer auch vom Verstehen her analysiert. Dabei wird zwischen psychischem und sozialem Verstehen unterschieden.

Wie Iris They in ihrem Buch «Kommunikation und Gesellschaft – systemtheoretisch beobachtet» aufzeigt, ist Verstehen als dritte Selektion der Kommunikation zunächst ein psychisches Verstehen: «Erst wenn ein psychisches System etwas versteht, emergiert Kommunikation als soziales Ereignis (2013, 38). Wobei sich das psychische Verstehen analytisch wiederum in die zwei Aspekte des operativen Differenz-Verstehens und des psychischen Sinn-Verstehens unterscheiden lassen (vgl. They, 2013, 39ff).

Beim operativen Differenz-Verstehen beobachtet der Adressat, «Ego» genannt, eine mitgeteilte Information als Mitteilung einer sich mitteilenden Person, «Alter» genannt. Dabei unterscheidet Ego zwischen Information und Mitteilung von Alter und damit gleichzeitig auch zwischen blosser Wahrnehmung eines informativen Ereignisses und einer Kommunikationsofferte: «Im Unterschied zu blosser Wahrnehmung von informativen Ereignissen», so Luhmann, «kommt Kommunikation nur dadurch zustande, dass Ego zwei Selektionen unterscheiden und diese Differenz seinerseits handhaben kann. […] Ego ist in der Lage, das Mitteilungsverhalten von dem zu unterschieden, was es mitteilt [Information, Anm. CMS]» (1998a: 198)

Das psychische Sinn-Verstehen fokussiert auf das inhaltliche Verstehen einer mitgeteilten Information. Dabei geht es nicht darum, ob Ego die Mitteilung von Alter inhaltlich richtig oder falsch verstanden hat. Das psychische Sinn-Verstehen bewirkt vorerst nur eine innere Zustandsänderung bei Ego. Ego weiss jetzt etwas, was es vorhin noch nicht gewusst hat. Käme keine innere Zustandsänderungen zustande, hätte die Mitteilung für Ego keinen Informationsgehalt gehabt. «Wenn wir sagen, dass Kommunikation eine Zustandsänderung des Adressaten bezweckt und bewirkt, so ist damit nur das Verstehen ihres Sinnes gemeint», erklärt Luhmann (2018a: 203).

Bereits mit dem psychischen Verstehen kommt Kommunikation zum Abschluss. Damit das psychische Verstehen aber nicht in einzelnen Personen eingeschlossen bleibt, muss es sich als soziales Verstehen manifestieren können. Dazu führt Luhmann eine vierte Selektion ein. Sie ist nicht mehr Bestandteil der Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen, sondern bildet den Ausgangspunkt für eine nächste Kommunikation, die an der vorangegangenen Kommunikation anschliesst. Deshalb haben wir uns Kommunikation immer als Prozess, als ein fortlaufendes Prozessieren von Sinn, vorzustellen. Wie das psychische lässt sich auch das soziale Verstehen analytisch in zwei Aspekte unterscheiden, nämlich in die operative Anschlusskommunikation und das soziale Sinn-Verstehen (vgl. They, 2013, 42ff).

Psychisches Verstehen ist für die an Kommunikation beteiligten Personen nicht unmittelbar beobachtbar. Ego kann weder in den Kopf von Alter, noch kann Alter in den Kopf von Ego hineinschauen. Erst durch operative Anschlusskommunikation wird sichtbar, dass Ego von den mitgeteilten Informationen von Alter etwas verstanden hat. Anschlusskommunikation konvertiert quasi psychisches in soziales Verstehen. Doch wie beim operativen Differenz-Verstehen geht es auch bei der operativen Anschlusskommunikation noch nicht um richtiges oder falsches inhaltliches Verstehen. Anschlusskommunikation stellt vielmehr sicher, dass Kommunikation – und damit auch ein soziales System – am Laufen bleibt. «Zunächst interessiert, dass Kommunikation nur selten als eine einzelne Einheit auftritt – als Warnruf; als Hilferuf; als Bitte, die sofort erfüllt werden kann; als Gruss; als Verständigung vor der Tür über das Problem, wer zuerst hindurchgeht; als Kauf einer Kinokarte. Einzelkommunikationen dieser Art sind oft sprachlos, oft nahezu sprachlos möglich, sind in jedem Falle aber stark kontextgebunden. Eine stärkere Ausdifferenzierung kommunikativen Geschehens erfordert die Verknüpfung einer grösseren Zahl von Kommunikationseinheiten zu einem Prozess (…) als temporale Verknüpfung einer Mehrheit selektiver Ereignisse durch wechselseitige Konditionierung“ (vgl. Luhmann, 1998a, 212).

Erst das soziale Sinn-Verstehen beantwortet endlich die Frage, ob das mit einer Kommunikationsofferte einhergehende Sinnangebot inhaltlich verstanden wurde. Indem Anschlusskommunikation das psychische in soziales Sinn-Verstehen konvertiert, wird die inhaltliche Annahme oder Ablehnung einer mitgeteilten Information beobachtbar. Annahme bedeutet, dass Ego das Sinnangebot von Alter übernimmt: «Erfolg hat die Kommunikation nur, wenn Ego den selektiven Inhalt der Kommunikation (die Information) als Prämisse eigenen Verhaltens übernimmt» (vgl. ebd., 1998a, 218). Ablehnung indes bedeutet, dass ein Ego das Sinnangebot von Alter zurückweist: «Dass Ego zwischen Information und Mitteilung unterscheiden muss, befähigt ihn zur Kritik und gegebenenfalls zur Ablehnung. Das ändert nichts daran, dass Kommunikation stattgefunden hat» (vgl. ebd., 1998a, 218).

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