Fussnoten

Fussnote 7 – Kulturform

Letzte Aktualisierung 13. Mai 2022.

Kommentar

Die Funktion von Kommunikation liegt nach Niklas Luhmann nicht in der Herstellung von Konsens, sondern von Offenheit. Darin liegt einer der wesentlichen Unterschiede zwischen seiner soziologischen Systemtheorie und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.

Die Offenheit von Kommunikation kommt nach Luhmann darin zum Ausdruck, dass eine mitgeteilte Information immer Angenommen oder Abgelehnt werden kann. Man kann entweder Ja oder Nein sagen. Grundsätzlich ist immer alles möglich. Trotz dieser Kontingenz ist etwas so Unwahrscheinliches wie Kommunikation möglich.

Als autopoietisches und operativ geschlossenes System kann nur Kommunikation sich selbst wahrscheinlich machen, die Chance auf Annahme von Mitteilungen maximieren und das Risiko deren Ablehnung minimieren. Darin liegt die Bedeutung von Luhmanns viel zitierter Aussage, dass nur Kommunikation kommuniziere.

Kommunikation kann aber auf ihre eigene Kontingenz stossen. Es stellt sich dann die Frage: Wie weiterfahren? So wie bisher? Oder ganz anders? Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von Bifurkation. Sie kommt darin zum Ausdruck, dass zwischen der Autopoiesis, also der Offenheit des Immerweitermachens, und der Nichtlinearität des Anschlusses, nach der die Kommunikation nicht auf einer Bahn läuft, sondern immer zwei Möglichkeiten hat, ein Zusammenhang besteht (vgl. Luhmann 2020: 293). An diesem Punkt kommt Kultur ins Spiel.

Wie Dirk Baecker in seinem Büchlein «Wozu Kultur?» festhält, entzieht sich der Kulturbegriff – als Begriff erster Ordnung – jeder Möglichkeit einer Definition (vgl. 2003: 33). Es ist unmöglich, abschliessend zu definieren, was Kultur genau ist. Wird Kultur hingegen als Begriff zweiter Ordnung aufgefasst und danach gefragt, wie Kultur als Kultur funktioniert, dann gewinnt der Kulturbegriff an Bedeutung und Kraft.

Baecker sieht die Funktion der Kultur, also das Wozu, darin, dass sie innerhalb einer sozialen Ordnung diese soziale Ordnung gleichzeitig als bedroht und erhaltenswert darstellt (vgl. ebd.: 37). In dieser «doppelten Bewegung» sieht er das Potenzial von Kultur, soziale Ordnung zu sichern und zu verändern.

Bei Kultur geht es also um Sicherheit und Unruhe. Es geht um Bestätigung und Verändern. Es geht um Tradition und Fortschritt. Es geht um Tabus und Kritik. Und: Es geht auch um Konsens und Offenheit. Kultur ist nach Baecker der gesellschaftliche Einwand von Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit der Gesellschaft (vgl. ebd.: 83).

Im Anschluss Heinz von Foerster und Luhmann diskutiert Baecker in «Wozu Kultur?» (vgl. 2003: 120ff) und später in seinem Aufsatz «Niklas Luhmann und die Kultursoziologie» (vgl. 2019a: 4) die Hypothese der doppelten operativen Schliessung von Systemen bzw. von sozialen Systemen. Demnach schliesst sich Gesellschaft auf der Ebene erster Ordnung durch die Fortsetzung der Kommunikation mit Mitteln der Kommunikation (Autopoiesis). Und auf der Ebene zweiter Ordnung schliesst sie sich durch eine mitlaufende Kommunikation über Kommunikation.

Wir können also den modernen Kulturbegriff als einen Mechanismus der doppelten Schliessung sozialer Systeme mit den Mitteln der Metakommunikation verstehen.

Um die These der doppelten Schliessung der Gesellschaft zu konkretisieren, gilt es einerseits die Frage nach Medium und Form von Kultur zu klären und andererseits den Code und das Programm der Kultur zu identifizieren. Schliesslich hat Luhmann darauf hingewiesen, dass diese These impliziert, dass wir uns Kultur auch als «soziales Gedächtnis» der Gesellschaft vorzustellen haben.

Wie Luhmann in «Gesellschaft der Gesellschaft» schreibt, kondensiere im Zusammenwirken aller Kommunikationsmedien (Sprache, Verbreitungs- und Erfolgsmedien) das, was man Kultur nennen könnte (vgl. 2015: 409).

Kondensieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein bestimmter Sinn in verschiedenen Kontexten immer derselbe bleibt. Damit wird ein Verweiszusammenhang zwischen einem spezifischen Sinn und einem spezifischen Sachverhalt hergestellt. Wir haben es beim Kondensieren also mit einem Prozess des Spezifizierens von Sinn zu tun. Mit Blick auf die Zwei-Seiten-Form können wir auch sagen, dass beim Kondensieren stabile Formen der Unterscheidung entstehen.

Das Kondensieren verknüpft Luhmann mit einer zweiten Operation, dem Konfirmieren. Konfirmieren bedeutet, dass ein bestimmter Sinn in verschiedenen Kontexten bestätigt wird und sich gleichzeitig mit neuen Bedeutungen anreichert. Dabei entsteht – wie im obigen Zitat von Baecker angesprochen – ein «Verweisüberschuss von Sinn», der über den jeweiligen Sachverhalt hinausreicht (vgl. Luhmann 2015: 409). Beim Konfirmieren haben wir es mit einem Prozess des Generalisierens zu tun. Das bedeutet, dass stabile Formen der Unterscheidungen immer auch auf andere Möglichkeiten des Unterscheidens verweisen.

Luhmann legt die Vermutung nahe, dass dieser Überschusssinn ein Resultat der Kondensierung und Konfirmierung sei und dass Kommunikation [und damit auch Metakommunikation, Anm. CMS] die Operation sei, die sich damit ihr eigenes Medium schaffe (vgl. 2015: 409).

Wenn sich Kommunikation beim Prozessieren von Sinn mit der Produktion von Überschusssinn gleichzeitig ihr eigenes Medium schafft, dann stellt sich die Frage, welche Art von Sinn Kultur in Anspruch nimmt, um eine doppelte Schliessung sozialer Systeme zu ermöglichen.

Nach Luhmann besteht die allgemeine Form von Sinn aus der Differenz von Aktualität und Möglichkeit (vgl. 2015: 50). Das bedeutet konkret, dass in jeder Situation immer ein bestimmter Sinn aktualisiert wird und gleichzeitig alternative Möglichkeiten ausgehschlossen werden.

«Kultur», so behauptet nun Baecker, «ist die Beobachtung jeglichen Sinns [sic!] unter dem Gesichtspunkt seiner nur selektiven Wahrnehmung in den Strukturen der Gesellschaft» (2003: 82).

Mit Blick auf die These der doppelten Schliessung können wir also vermuten, dass soziale Systeme auf der Ebene der ersten Schliessung immer aktuell wahrgenommenen Sinn prozessieren und dass sie auf der Ebene der zweiten Schliessung alternative Möglichkeiten mitprozessieren. Hierin liegt das Zusammenspiel zwischen Kommunikation und Metakommunikation, die «doppelte Bewegung», mit der sich soziale Systeme, beobachtend und vergleichend, bald ihrer selbst versichern, bald beunruhigen.

Diese Vermutung legt den Schluss nahe, dass wir die Formen der Kultur auf den Wiedereinschluss ausgeschlossener Möglichkeiten von Sinn beobachten können.

* * *

Mit Blick auf die Medienepochen hält Luhmann in seiner im Wintersemester 1991/92 an der Universität Bielefeld gehaltenen Vorlesung «Einführung in die Systemtheorie» fest, dass sich mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums jeweils auch die Techniken für die Annahme von Kommunikation – in Form eines «Kulturrevolutionsprograms» – veränderten.

Zum Zeitpunkt seiner Vorlesung stellte er sich jedoch auch die Frage, ob eine «reflektierte Verständigung» nicht auch auf Basis von Ablehnung möglich sei. Konkret: Ob es nicht die Möglichkeit gebe, «den anderen bei seiner Überzeugung zu belassen, ihn nicht zu bekehren, ihn nicht zu einem aufrichtigen Ja zu bringen, aber eine Verständigung zu erreichen, die genau diese Toleranz des Neins gleichsam für den Moment und auf Widerruf neutralisiert. Das Nein bleibt als Wahrscheinlichkeit vorhanden, aber man verständigt sich, wir machen es mal so, mal so. Mal bekommst du recht, mal bekomme ich recht. Wir steigern etwa die Unsicherheit in Bezug auf das Richtige so stark, dass man etwas ohnehin nur noch pragmatisch machen kann und dass es letztendlich egal ist, sofern die Positionen widerrufbar bleiben» (2020: 297f).

Luhmann stellte damals diese Überlegungen mit Blick auf die Forschung im Bereich von Risikotechnologien (z.B. Kernenergie) an. Diese Überlegungen scheinen unseres Erachtens aber auch einen guten Ausgangspunkt für die Erkundung einer neuen Kulturform der nächsten Gesellschaft zu sein.

Vorausschauend skizzierte Luhmann: «Es könnte also sein, dass unser bisheriges Kulturprogramm, wenn man es einmal so nennen darf, der Rhetorik, Persuasivtechnik, Beweisführung, Herrschaft, Geld oder Liebe (als ein Kommunikationsphänomen) die Grenzen dieser Technik erreicht hat und dass wir auf harte Weise lernen müssen, mit Verständigungen zu arbeiten, die nicht als Durchgriff auf wirkliche Meinungen konzipiert sind. So ähnlich wie in der Zeit des mühsamen Lernens religiöser Toleranz» (2020: 298f).

Hinterlassen Sie einen Kommentar