Fussnoten

Fussnote 2

Letzte Aktualisierung 7. Januar 2021.

Kommentar

Das Internet wird in der Alltagssprache oft mit seinen Diensten wie World Wide Web (WWW oder Web), elektronische Post (E-Mail) oder File Transfer Protocol (FTP) verwechselt. Vom Internet im Sinne einer technischen Infrastruktur bzw. eines Verbreitungsmediums soll dann die Rede sein, wenn der weltweite Verbund von Computernetzwerken (Hardware) gemein ist, der auf Basis eines normierten Protokolls (Software) den Austausch von Daten ermöglicht. Mit dem Internet verändern sich in der Netzwerkgesellschaft die Strukturen der Kommunikation sowie die Wahrnehmung von Raum und Zeit.


Das Netzwerk bildet die Kommunikationsstruktur der Netzwerkgesellschaft. Wie Manuel Castells in «Communication Power» schreibt, besteht ein Netzwerk aus einem Set von miteinander verbundenen Knoten (2009: 19f). Die Funktion und Bedeutung eines Knotens hängt mit dem Programm des Netzwerks und mit den Interkationen mit anderen Knoten im Netzwerk zusammen. Technisch betrachtet, entspricht diese Struktur im Internet dem Client-Server-Modell (oder Peer-to-Peer-Modell). Client und Server sind beides computergestützte Programme, die innerhalb des Netzwerkes eine spezifische Funktion erfüllen. So bietet der Server Dienste an, die von einem Client angefordert und genutzt werden können. Bei diesen Diensten handelt es sich, wie oben erwähnt, beispielweise um den Zugriff aufs Web oder um den Versand von E-Mails. Die Kommunikationsstruktur des Internets unterscheidet sich wesentlich von jener der klassischen Massenmedien. Während in Massenmedien Informationen unidirektional von einem Zentrum an die Peripherie strömen, werden im Internet Daten auf Abruf dezentral verteilt.

Im Rahmen des Client-Server-Modells nehmen die im Internet miteinander verbundenen Knoten eine gleichberechtigte Stellung ein. Sie operieren nach normierten Protokollen und haben i.d.R. uneingeschränkt Zugang zu anderen Knoten im Internet. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Netzneutralität. Ausnahmen bilden staatliche Zensur oder wirtschaftlich bedingte Diskriminierung beim Zugang zum Internet.
Mit Blick auf die Dienste des Internets kommen jedoch Effekte zum Tragen, die in der klassischen Netzwerkanalyse beschrieben werden. So hält Manuel Castells fest, dass Knoten innerhalb eins Netzwerks von unterschiedlicher Relevanz sein können. Unter Knoten wollen wir in diesem Zusammenhang nicht nur die verschiedenen Dienste des Internets, sondern auch deren Nutzer subsummieren. «The relative importance of a node», schreibt Castells, «does not stem form its specific features but form its ability to contribute to the network’s effectiveness in achieving its goals, as defined by de values and interests programmed into the networks» (2009: 20). Diese Beobachtung fasst Castells wie folgt zusammen: «The network is the unit, not the node» (ebd.). Beim Beobachten und Beschreiben von (Sozialen) Netzwerken sollten daher zwei Aspekte berücksichtigt werden. Einerseits gilt es die Werte und Interessen zu identifizieren, auf die Netzwerke explizit bzw. implizit programmiert worden sind. Andererseits gilt es die Inklusion in bzw. die Exklusion aus Netzwerken an der Fähigkeit der einzelnen Knoten zu untersuchen, auf effiziente und effektive Art und Weise zum jeweiligen Programm der Netzwerke beizutragen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sich ein Knoten/Nutzer als Teil eines Netzwerkes immer einem Programm (Werten und Interessen) unterordnen muss.

Basierend auf seiner Netzwerkanalyse hat Manuel Castells eine Theorie der Macht in Netzwerken formuliert. Darin beschreibt er, wie Macht in Netzwerken etabliert und ausgeübt wird. Castells unterscheidet vier Formen der Macht (2009: 42ff).

Vernetzungsmacht («Networking Power»)
Vernetzungsmacht bezieht sich auf die Macht von einzelnen Akteuren und Organisationen in Netzwerken. Sie bilden den harten Kern einer globalen Netzwerkgesellschaft vis-à-vis von Gemeinschaften oder Individuen, die von diesen globalen Netzwerken ausgeschlossen sind.

Netzwerkmacht («Network Power»)
Netzwerkmacht resultiert aus Standards, die erforderlich sind, um soziale Interaktionen zwischen vielseitig vernetzten Akteuren zu koordinieren. Im Fall der Netzwerkmacht, wird Macht nicht durch Ausschluss, sondern durch die Zumutung und das Aufzwinge der Einschluss-Regeln in ein Netzwerk ausgeübt.

Vernetzte Macht («Networked Power»)
Vernetzte Macht ist die Macht sozialer Akteure über andere soziale Akteure in einem Netzwerk. Jedes Netzwerk verfügt über seine eigenen Formen und Verfahren der vernetzten Macht. Denn jedes dominante Netzwerk definiert seine eigenen Machtbeziehungen in Abhängigkeit von seiner Funktion und seinen Zielen.

Netzwerk konstituierende Macht («Network-Making Power»)
Die Netzwerk konstituierende Macht beruht einerseits der Macht von Akteuren, spezifische Netzwerke zu etablieren und gemäss ihren Interessen und Werten zu programmieren. Und sie beruht andererseits auf der Macht von Akteuren, mit Blick auf die strategischen Allianzen zwischen den dominanten Akteuren von Netzwerken die verschiedenen Netzwerke zu wechseln.

Beobachtungen

Während der Corona-Krise 2019 hat Dirk Baecker einen Aufsatz über die «Pulsierende Gesellschaft» verfasst. Darin wirft er die Frage auf, was aus soziologischer Sicht aus der Bewältigung der Pandemie über unsere Gesellschaft zu lernen sei. Mit Blick auf die Systemtheorie bzw. Netzwerktheorie macht er im Aufsatz folgende Bemerkung: «Seit den Arbeiten von Manuel Castells gibt es die Vermutung, dass der Differenzierungsmodus der Gesellschaft im Zuge ihrer ‹Digitalisierung› nicht mehr die Funktionssysteme mit ihren Kompetenzen, sondern Netzwerke in einem noch unbestimmten Plural ist. Es zählt die Verrechnung in elektronischen Medien. Für die Grenzziehung der Gesellschaft gegenüber den Menschen heisst das, dass die Gesellschaft ihre liberale Anonymitätsprämisse aufgibt und ihre menschliche Umwelt nicht nur individualisiert, wie bisher, sondern personalisiert, an Namen und Adressen kenntlich macht. Der Spiess wird gleichsam umgedreht. […] Die Gesellschaft stellt vom Normalfall der Inklusion auf den Normalfall der Exklusion um. Sie regelt nicht mehr ihre Offenheit, sondern ihre Geschlossenheit. Wenn sich das durchsetzt, haben wir es nach der Krise in der Tat mit einer neuen Gesellschaft zu tun.» À discuter …

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