Fussnoten

Fussnote 1

Letzte Aktualisierung 6. Januar 2021.

Kommentar

Die Rede vom «dominanten Leitmedium» schliesst an der von Niklas Luhmann in «Gesellschaft der Gesellschaft» herausgearbeiteten Geschichte der Medienepochen und der mit ihr einhergehenden Evolution der Gesellschaft an (2015: 190ff). Die Geschichte behandelt von der Sprache über die Schrift bis hin zum Buchdruck und zu den elektronischen Medien die Herausbildung gesellschaftlicher Struktur- und Kulturformen im Umgang mit neuen Leitmedien. 1998 verstorben, hinterliess Luhmann in seinem Buch erste Beobachtungen zum neuen Leitmedium Computer. Sie sind in ihrer Präzision und Radikalität bis heute aktuell geblieben (2015: 303f):

  1. Wie verändert sich Kommunikation, wenn die Gesellschaft dem Computer bzw. künstlicher Intelligenz relativ zum Bewusstsein des Subjekts Chancengleichheit zubilligt?
  2. Wie weit können Computer die gesellschaftskonstituierende Leistung der Kommunikation ersetzen oder gar überbieten?
  3. Wie wirkt es sich auf Kommunikation aus, wenn sie durch computervermitteltes Wissen beeinflusst wird?

An diesen Fragen anknüpfend, hat Dirk Baecker in seinen «Studien zur nächsten Gesellschaft» und später in «4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt» skizziert, wie die Struktur- und Kulturform einer nächsten Gesellschaft, deren Kommunikation durch den Computer dominiert wird, aussehen könnte. Zentrale Einsicht dabei ist, dass eine neue Medienepoche die vorgegangenen Epochen nicht restlos verdrängt, sondern diese mit ihrem neuen Leitmedium sowie mit ihrer neuen Struktur- und Kulturform überlagert und dominiert. Das bedeutet, dass sich mit jeder neuen Medienepoche die Komplexität der Kommunikation bzw. der Gesellschaft erhöht. Prägte die Medienepoche der Sprache (tribale Gesellschaft) die Strukturform des Stammes und die Kulturform der Grenze, so überlagerte die Epoche der Schrift (antike Gesellschaft) diese Formen mit der Struktur der Schicht und der Kultur des Telos, bis mit der Epoche des Buchdrucks (moderne Gesellschaft) die Struktur der Funktionssysteme und die Form des Gleichgewichts dominant wurden. Mit dem neuen Leitmedium Computer, so Baecker, emergieren in der nächsten Gesellschaft die Strukturform des Netzwerkes und die Kulturform der Komplexität (2018: 75).

Weil ein neues Leitmedium mehr Sinn produziert, als die angestammten Struktur- und Kulturformen verarbeiten können, spricht Baecker mit Blick auf den Leitmedienwechsel von sogenannten Medienkatastrophen. In seinen «Studien zur nächsten Gesellschaft» schreibt er: «In jeder dieser Katastrophen explodierte der von der Gesellschaft zu bearbeitende Überschusssinn und es mussten […] Kulturformen gefunden werden, die es ermöglichen, diesen Überschusssinn nach Bedarf und Fähigkeit entweder selektiv abzulehnen oder positiv aufzunehmen» (2007: 34). Und in «4.0 oder die Lücke die der Rechner lässt» wiederholt er: «Die spezifische Herausforderung liegt darin, dass eine Gesellschaft Strukturen entwickeln muss, die die Verwendung dieser Medien [gemeint sind Verbreitungsmedien der Kommunikation] an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sicherstellen, das heisst sowohl ermöglichen als auch einschränken. Keine Gesellschaft lässt zu, dass Medien beliebig verwendet werden» (2018: 26f). Bestand der Überschusssinn in der modernen Gesellschaft noch in einem Überschuss an Kritik, so verortet ihn Baecker in der Netzwerkgesellschaft in einem Überschuss an Kontrolle. Tatsächlich können wir allerorts beobachten, wie die Gesellschaft gegenwärtig nach neuen Formen im Umgang mit Daten sucht.


Der Begriff «Computer» wird hier einerseits als Metapher für den aktuellen Leitmedienwechsel verwendet. Andererseits handelt es sich bei ihm um einen Begriff mit mehreren Bedeutungen. So arbeitet Elena Esposito in ihrem Beitrag «Der Computer als Medium und Maschine» die Doppeldeutigkeit des Begriffs heraus: Zum einen ist der Computer eine Maschine, die einen Input in einen Output verwandelt (Datenverarbeitung). Zum anderen ist der Computer ein Medium, das der Verbreitung von Daten dient (Verbreitungsmedium). Worauf Esposito jedoch hinaus will: «Der Computer […] ist ein Medium und eine Maschine zugleich und in bezug auf dieselben Objekte: Er verändert und verbreitet sie» (1993: 339). Im Anschluss an Luhmann möchten wir hier noch eine dritte Bedeutung hervorheben, und zwar das Potenzial des Computers als gleichberechtigter Kommunikationsteilnehmer. Diese drei Bedeutungsdimensionen, Verarbeitung, Verbreitung und Teilnahme, machen den Computer zu einer nichttrivialen Maschine – dies mit bis heute unabsehbaren Konsequenzen.

Mit Blick auf den Begriff «Medium» schlägt Mike Sandbothe in seinem Buch «Pragmatische Medienphilosophie» vor, auf ein gemeinsames Merkmal für die unterschiedliche Verwendung des Begriffs zu verzichten. Er plädiert im Anschluss an Wittgenstein viel mehr für eine Analyse der Familienähnlichkeit, die im alltäglichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch besteht. Dies führt ihn zu drei unterschiedlichen Mediensorten (2001: 104).

  • Medium als sinnliches Wahrnehmungsmedium (Raum, Zeit)
  • Medium als semiotisches Kommunikationsmedium (Bild, Sprache, Schrift, Musik)
  • Medium als technisches Verbreitungsmedium (Stimme, Buchdruck, Radio, Fernsehen, Internet)

Das Besondere am Leitmedium Computer ist, dass es in alle drei Mediensorten verwickelt ist. Erstens nimmt der Computer als zentrales Element der Internets die Rolle eines technischen Verbreitungsmediums wahr. Zweitens operiert er beim Dokumentieren, Verarbeiten und Auswerten von Daten in einem semiotischen Kommunikationsmedium. Und drittens verändert er im Verbund mit anderen Computern die Wahrnehmung von Raum und Zeit. Deshalb müssen uns den Computer als eine Art transversales Leitmedium vorstellen.

Luhmann blendet schon in «Soziale Systeme» den technischen Aspekt von Verbreitungsmedien in dem Sinne aus, als er die «Übertragungsmetapher» als unbrauchbar erachtet: «Sie suggeriert, dass der Absender etwas übergibt, was der Empfänger erhält. Das trifft schon deshalb nicht zu, weil der Absender nichts weggibt in dem Sinne, dass er selbst es verliert. Die gesamte Metaphorik des Besitzens, Habens, Gebens und Erhaltens, die gesamte Dingmetaphorik ist ungeeignet für ein Verständnis von Kommunikation» (2018: 193). Er arbeitet vielmehr mit der Unterscheidung Medium und Form. So fokussiert Luhmann in «Gesellschaft der Gesellschaft» (2015: 190ff) auf Kommunikationsmedien und differenziert diese in – eben nicht technisch verstandene – Verbreitungsmedien (Sprache, Schrift, Buchdruck, elektronische Medien) und Erfolgsmedien (Macht, Geld, Liebe, Wahrheit, Recht, Glaube). Wobei Medien für Luhmann aus lose gekoppelten, nicht sichtbaren Elementen (Schall, Licht, Signale, etc.) bestehen, die Formen zu einer festen, beobachtbaren Kopplung (Worte, Sätze, Bilder, etc.) zusammenführen. Wahrnehmbar ist deshalb immer nur die Form, nicht aber das Medium.

Die Unterscheidung zwischen trivialen und nichttrivialen Maschinen erklärt Heinz von Foerster im Büchlein «Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners» wie folgt: Bei der trivialen Maschine «existiert eine unbedingte und unveränderliche Relation zwischen Input und Output. Die triviale Maschine ist ausgesprochen zuverlässig, ihre inneren Zustände bleiben stets dieselbe, sie ist vergangenheitsunabhängig, synthetisch und analytisch bestimmbar. Ihre Übertragungsfunktion kann man […] durch ganz einfache Input-Output-Versuche herausbekommen» (1999: S.55f). Das Bild der trivialen Maschine entspricht nach Foerster der menschlichen Sehnsucht nach Gewissheit und Sicherheit, indem es einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufzeigt. Nichttriviale Maschinen hingegen sind komplexe Maschinen, weil sie über eine Art «inneren Zustand» verfügen: [Sie] «ändern ihre innere Struktur und die Transformationsregel immer wieder» (1999: S.56). Im Unterschied zu trivialen sind nichttriviale Maschinen also synthetisch determiniert, vergangenheitsabhängig, analytisch unbestimmbar und nicht vorhersehbar. Kurz: Es ist unmöglich vorherzusagen, was für ein Output ein bestimmter Input generiert.


Für den Begriff «Leitmedium» bietet die Literatur verschiedene Unterscheidungen an. Wir folgen der von Jochen Hörisch aus seinem Buch «Bedeutsamkeit»: «Als Leitmedium soll im folgenden das Massenmedium bezeichnet werden, das zu einer bestimmten Zeit (häufig auch in einer langdauernden Epoche) in einem bestimmten Raum (das können mehrere Weltecken zugleich sein) teilnahmepflichtig bzw. nur um den Preis scharfer Sanktionen vermeidbar ist» (2009: 269). Hörisch verdeutlicht seine Unterscheidung am Leitmedium Schrift und Druck. Wer sich ihm verweigert, «erfährt in bestimmten Epochen und Grossräumen tatsächlich eine Exkommunikation» (2009: 270). Gleiches lässt sich heute unschwer für das Leitmedium Computer behaupten.

Jochen Hörisch arbeitet in seinem Buch «Bedeutsamkeit» u.a. die Unterscheidung zwischen Leitmedien und ontosemiologischen Leitmedien heraus (2009: 267ff). Ontosemiologische Leitmedien sind nicht nur teilnahmepflichtig, sondern koppeln wie ein Möbiusband «Sein mit Sinn und Sinn mit Sein» eng aneinander. Sie formieren damit Bedeutsamkeit in intersubjektiv verbindlicher Art und Weise. Hörisch gesteht einzig dem Abendmahl und dem Geld den Status eines rein ontosemiologischen Leitmediums zu. Elektronische Medien zeichnen sich ihm gemäss durch einen zwitterhaften Status aus. Mit dem Geld teilen sie die Eigenschaft, nicht oder fast nicht ignoriert werden zu können. Und mit dem Abendmahl teilen sie die Eigenschaft einer semantischen Aufladung. Im Unterschied zu Geld und zum Abendmahl sind die elektronischen Medien jedoch nicht zustimmungspflichtig. Mediennutzer, so Hörisch, stritten sich systematisch über das, was gesendet wird. Deshalb entlasteten sie – positiv formuliert – von einer Konsenszumutung. Dies führt ihn zum Schluss: «Massenmedien produzieren heute nicht etwa weltweit homogene Massen, sondern Massen von Differenzen. Als ontosemiologische Leitmedien können sie (alle mitsamt) dennoch gelten. Denn sie etablieren den paradoxen Konsenszwang, dem die Formel ‹we agree to disagree› neoklassischen Ausdruck verleiht» (2009: 343).


Der Begriff «Netzwerkgesellschaft» ist stark von Manuel Castells geprägt und prominent gemacht worden. In seinem Buch «Communication Power» definiert er die Netzwerkgesellschaft als «a society whose social structure is made around networks activated by microelectronics-based, digitally processed information and communications technologies» (2009: 24). Ausgehend von seiner These der Weltgesellschaft als Netzwerkgesellschaft untersucht er in seinem Werk die Frage, wie und wo sich Macht in der globalen Netzwerkgesellschaft manifestiert.

Beobachtungen

Mit der Systemtheorie nach Niklas Luhmann und der Netzwerktheorie nach Manuel Castells/Harrison White werden zurzeit zwei umfassende Gesellschaftstheorien diskutiert, die sich beide mit der (Re-)Formation der Gesellschaft unter der Bedingung eines neuen Leitmediums beschäftigen. Während die Systemtheorie die Strukturen der Verarbeitung von Sinn in Kommunikationsmedien beobachtet, fokussiert die Netzwerktheorie auf die Strukturen der Herstellung von Macht und Kontrolle auf Basis technischer Verbreitungsmedien. Erstere steht für eine zusehends funktionale Differenzierung der Gesellschaft und letztere für eine immer dichtere Vernetzung derselben. Man könnte meinen, es handle sich bei diesen zwei Ansätzen um das Leib-Seele-Problem einer umfassenden Theorie der nächsten Gesellschaft.

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